Veranstaltungsreihe Lebenszeugnisse:
Übersicht 2011
Veranstaltungsort: Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestr. 125, 10115 Berlin
U-Bahnhof Zinnowitzer Str. oder Oranienburger Tor
„Der Junge im Schrank – Eine Kindheit im Krieg“
20. Januar 2011 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Senek Rosenblum
Senek Rosenblum wird 1935 als Sohn eines Getreidehändlers im polnischen ¯ychlin geboren, das nach der deutschen Eroberung im annektierten Reichsgau Wartheland liegt. Für die Familie Rosenblum markiert der Einmarsch der Deutschen, wie für alle Juden der Stadt, den Beginn von Ghettoisierung und Verelendung. 1942 versucht Seneks Vater mit seiner Frau, der Schwiegermutter und seinem Sohn in das Warschauer Ghetto ins Generalgouvernement zu fliehen, weil er fälschlicherweise annimmt, dass seine Familie dort sicherer sei. Nur Vater und Sohn gelangen schließlich nach einer Odyssee bei eisigen Temperaturen nach Warschau, die Mutter und Großmutter sterben unterwegs an Erschöpfung. Glücklicherweise gelingt es Seneks Vater, der als Schmuggler lebenswichtiger Waren an der Ghettomauer arbeitet, seinen Sohn wieder aus dem Ghetto herauszuschleusen. Er überredet eine Polin, seinen Jungen in ihrer winzigen Wohnung zu verstecken, wo er zusammengekauert in einem Schrank ausharren muss, um nicht entdeckt zu werden.
Nur sehr wenige jüdische Kinder im besetzten Polen konnten gerettet werden. Zu ihnen gehört Senek Rosenblum, der jetzt, im Alter von über 70 Jahren, seine Erinnerungen publiziert hat. Nach dem Krieg hat er in München seine zweite Heimat gefunden.
Senek Rosenblum, Der Junge im Schrank. Eine Kindheit im Krieg, Club Bertelsmann 2008 und btb Verlag, München 2010.
„Beim Griechen – Wie mein Vater in unserer Taverne Geschichte schrieb“
24. Februar 2011 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Alexandros Stefanidis
Alexandros Stefanidis erzählt die Geschichte seiner Familie, in deren Zentrum sein Vater Christoforos und das familiengeführte Restaurant „Der Grieche“ in Karlsruhe stehen. Seit 1971 spielt sich dort – im „Wohnzimmer“ der Stefanidis’ – nicht nur das Leben der sechsköpfigen Familie ab, es ist gleichzeitig eine einzigartige Bühne für deutsche Zeitgeschichte: Von der Gründerszene der Grünen bis zu absurden Situationen mit rassistischen Stammgästen, von der Zeit, als griechisches Essen fast schon ein politisches Statement war, bis zur Kapitulation vor der Döner-Welle hat die Geschichte des „Griechen“ neben komischen Alltagsgeschichten alle Elemente einer griechischen Tragödie.
Alexandros Stefanidis, Jahrgang 1975, hat in Heidelberg, Thessaloniki und Toronto Germanistik, Politikwissenschaft und Soziologie studiert und anschließend die Deutsche Journalistenschule in München besucht. Er schrieb als freier Autor für Die Zeit und den Stern. Seit 2005 arbeitet er für das Magazin der Süddeutschen Zeitung. Für seine Arbeit ist er mit mehreren Preisen geehrt worden, u.a. gewann er 2008 den CNN Journalist Award in der Kategorie Print..
Alexandros Stefanidis, Beim Griechen. Wie mein Vater in unserer Taverne Geschichte schrieb, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2010.
„Juden Narren Deutsche“ – Essays zur deutschen und europäischen Erinnerungskultur
24. März 2011 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Hazel Rosenstrauch
Hazel Rosenstrauch bezeichnet sich als unjüdische Jüdin und nennt ihre Texte „Deutsche Studien“. Als Nachfahrin von Verfolgten beobachtet sie – skeptisch, heiter und auch böse – die Erinnerungskultur in Deutschland, Österreich, Europa.
Die Geschichten sind aus ihrem Leben gegriffen – in Berlin, in Wien oder auch in der Bischofsstadt Rottenburg. Denkmale, Stolpersteine und Orte der Erinnerung sollen mahnen. Wie aber wirken sie auf jemanden, der ständig an die Ausgrenzung seiner Vorfahren erinnert wird? Hazel Rosenstrauch beobachtet, denkt sich ihr Teil und schreibt es auf. Sie unterhält sich mit Heinrich Heine, lässt die Kulturgeschichte der Narren vorüberziehen und erfindet sich einen neuen Großvater. Sie wehrt sich gegen Zuschreibungen und möchte die verharschte Sprache aufbrechen.
Hazel Rosenstrauch wurde am Ende des Krieges in London als Tochter österreichischer Emigranten geboren, wuchs in Wien auf, versuchte, in die USA und nach Kanada auszuwandern und landete in Deutschland. Sie hat als Sozialwissenschaftlerin, Journalistin und Redakteurin gearbeitet und lebt jetzt als Autorin in Berlin.
Hazel Rosentrauch, Juden Narren Deutsche, Persona Verlag, Mannheim 2010.
„Der Ausgetauschte - Die außergewöhnliche Rettung des Israel Sumer Korman“
11. April 2011 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Klaus Hillenbrandh
November 1942: In einem Wiener Obdachlosenheim wartet der 15-jährige Israel Sumer Korman auf die Abfahrt des Zuges, der sein Leben retten wird. Es ist ein Sonderzug, mit dem 137 Menschen zunächst nach Istanbul fahren, um dann über Syrien weiter nach Palästina zu gelangen. Ohne es zu wissen, sind sie Teil eines Austauschs, der nach langen, zähen Verhandlungen zwischen Deutschland und Großbritannien zustande gekommen ist. 301 in Palästina internierte Deutsche, an denen den Nazis besonders gelegen ist, dürfen dafür ausreisen.
Klaus Hillenbrand hat mit dem heute in Australien lebenden Korman gesprochen und seine Geschichte minutiös recherchiert. "Der Ausgetauschte" erzählt das Schicksal eines Zeitzeugen und eine Geschichte, die ein unbekanntes Kapitel des Zweiten Weltkriegs nachzeichnet.
Klaus Hillenbrand wurde 1957 geboren. Er hat in Bonn und Berlin Politische Wissenschaft studiert. Nach seinem Diplom arbeitete er u.a. als freier Journalist auf Zypern. Heute ist er leitender Redakteur bei der taz und Buchautor. Er lebt in Berlin.
Klaus Hillenbrand, Der Ausgetauschte. Die außergewöhnliche Rettung des Israel Sumer Korman. Scherz Verlag, Frankfurt am Main 2010.
„Wer hat Angst vorm schwarzen Mann" - Ein schwarzer Deutscher erzählt sein Leben
26. Mai 2011 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Gert Schramm
Mit 16 Jahren war Gert Schramm der einzige schwarze Häftling im KZ Buchenwald. In der DDR schlug er eine Funktionärskarriere aus und arbeitete stattdessen als Kumpel in der Wismut und im Walzwerk. Nach der Wende baute er sein Taxiunternehmen aus und engagierte sich gegen Rechtsextremismus. Die ungewöhnliche und bewegende Geschichte eines schwarzen Deutschen, der sich im "Dritten Reich", in West-, Ost- und im Nachwendedeutschland behaupten musste, ist ein eindringliches Zeugnis dafür, wie Rassismus und Ausgrenzung die Gesellschaftssysteme überdauern.
Gert Schramm wurde 1928 als Sohn einer Deutschen und eines US-Amerikaners in Erfurt geboren. Er ist Mitglied des Häftlingsbeirates beim Internationalen Komitee Buchenwald-Dora-Nebenlager und lebt in Eberswalde.
Gert Schramm, Wer hat Angst vorm schwarzen Mann. Mein Leben in Deutschland. Aufbau Verlag, Berlin 2011.
„Wir wollten ein anderes Land - Eine Familiengeschichte aus der DDR“
23. Juni 2011 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Uwe-Karsten Heye und Bärbel Dalichow
Drei Menschen träumen den Traum von einem besseren Land, einem anderen Deutschland. Friedfertig sollte es sein, gerecht, allen Menschen die gleichen Chancen bieten. Es sollte anders sein als Nazideutschland, anders als die Adenauersche Bundesrepublik - und irgendwann auch anders als die real existierende DDR. Brunhilde und Helmut Hanke hatten mit aller Kraft für die sozialistische Alternative auf deutschem Boden gekämpft. Sie war mit 31 Jahren bereits Oberbürgermeisterin von Potsdam, er Professor für Kulturwissenschaften. Sie bauten den Staat mit auf, trugen das System, profitierten - und fraßen ihre wachsende Verzweiflung über die Zerstörung der sozialistischen Idee in sich hinein. Nur Bärbel, die Tochter, wollte die Widersprüche nicht aushalten, sie rebellierte und plante, aus der DDR zu fliehen. Ein Verrat setzte dem Vorhaben ein Ende. Stasi, Verhaftung, Repressionen - eine Zerreißprobe für die sozialistische Musterfamilie Hanke.
Uwe-Karsten Heye und Bärbel Dalichow, geborene Hanke, erzählen aus der Perspektive des Chronisten und der engagierten Zeitzeugin die Familiengeschichte dreier Menschen, die Aufbau und Scheitern der DDR erfahrbar macht. Bärbel Dalichow, Jahrgang 1953, ist Direktorin des Filmmuseums Potsdam. Nach Wanderjahren als Journalistin, Besucherführerin in Sanssouci, dem Studium der Kultur- und Kunstwissenschaft in Ost-Berlin, arbeitet sie als Filmwissenschaftlerin.
Der Journalist und Diplomat Uwe-Karsten Heye, geb. 1940, war u.a. Redenschreiber Willy Brandts, jahrelanger Autor für ARD und ZDF und Regierungssprecher der Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder.
Uwe-Karsten Heye/Bärbel Dalichow, Wir wollten ein anderes Land. Eine Familiengeschichte aus der DDR. Droemer Verlag, München 2010.
„Die Russen sind da“ - Kriegsalltag und Neubeginn 1945 in Tagebüchern aus Brandenburg
21. September 2011 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Peter Böthig und Peter Walther
Auf ihrem Weg nach Berlin durchquerten die sowjetischen Truppen im Frühjahr 1945 das einstige Kernland Preußens. Hier fanden die letzten großen Schlachten des Zweiten Weltkriegs statt. Mehr als ein Sechstel der Bevölkerung in Brandenburg kam ums Leben. Wie sah der Alltag der Menschen während des Krieges und in den ersten Jahren des Neubeginns aus? Wie wurden die geschichtlichen Ereignisse wahrgenommen, welchen Einfluss hatte die nationalsozialistische Propaganda auf die Perspektive der Schreiber? Die hier von Peter Böthig und Peter Walther herausgegebenen, aus privaten Quellen zusammengetragenen Tagebuch- und Briefaufzeichnungen aus den Jahren 1944 bis 1949 vermitteln Tag für Tag ein authentisches Bild vom Überleben in einer Zeit, in der die Bedrohung der Existenz zum Alltag gehörte.
Peter Böthig, 1958 geboren, gehörte in den achtziger Jahren zu den Protagonisten der unabhängigen Literaturszene Berlins. Sein Engagement hatte Konsequenzen: 1986 wurde ihm seine Assistentenstelle an der Humboldt-Universität gekündigt, 1988 folgten Verhaftung und Verurteilung durch die Staatssicherheit. Seit 1993 leitet er das Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum auf Schloss Rheinsberg.
Dr. Peter Walther, 1965 in Berlin geboren, studierte Germanistik und Kunsterziehung in Greifswald, Berlin und Essen. Er ist Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschien von ihm "Endzeit Europa. Ein kollektives Tagebuch deutschsprachiger Schriftsteller, Künstler und Gelehrter im Ersten Weltkrieg".
„Endstation Bautzen II. Zehn Jahre lebenslänglich“
27. Oktober 2011 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit André Baganz
Es ist einer der spektakulärsten und in der DDR bis zuletzt geheim gehaltenen Fälle: Nach einem gescheiterten Fluchtversuch an der Grenze zu Westdeutschland wird André Baganz, Sohn einer Deutschen und eines Afrikaners, 1981 in Frankfurt/Oder in Untersuchungshaft eingeliefert. Beim Versuch, aus der Haftanstalt auszubrechen, verschanzen er und drei weitere Gefangene sich in einem Hochhaus. Sonderkommandos von Polizei und Staatssicherheit belagern die Stadt, ein Polizist kommt zu Tode, die Geiseln bleiben unversehrt. Baganz, obwohl selbst nicht der Todesschütze, wird zu lebenslanger Haft verurteilt und nach Bautzen II verlegt - dorthin, wo nur die gefährlichsten Staatsfeinde einsitzen. Das Stasi-Gefängnis wird zum Martyrium. Jahrelange Einzelhaft, Übergriffe, Psychoterror.
1991 wurde sein Urteil revidiert und er entlassen. Heute lebt André Baganz als taxifahrender Schriftsteller in Bonn.
André Baganz, Endstation Bautzen II. Zehn Jahre lebenslänglich, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2011.
„Seine Schatten, meine Bilder - Eine Spurensuche“
24. November 2011 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Jens-Jürgen Ventzki
Lange hält er sich in der Ausstellung auf. Auf einem Dokument erkennt er die deutliche Handschrift seines Vaters, dabei geht es um die Kleidung der in Chelmno (Kulmhof) ermordeten Juden. Er schaut auf ein großes Farbfoto, hegt einen Verdacht, ist sich aber noch nicht sicher. Erst 2001 schafft es Jens-Jürgen Ventzki zum ersten Mal in seine Geburtsstadt Lódz (damals Litzmannstadt) zu reisen, in der sein Vater, Werner Ventzki, ab 1941 Oberbürgermeister der besetzten Stadt war. Ihm unterstand die Verwaltung des nach Warschau zweitgrößten Ghettos. Der Sohn folgt den Spuren des Vaters, recherchiert in Archiven in Lódz, Berlin, Ludwigsburg, Jerusalem, besucht sein Geburtshaus, sucht das Gespräch mit Historikern. In Lódz erhält er 2007 die Nachricht, dass man soeben in einem Archiv eine Art Testament seines Vaters gefunden habe. Es gelingt ihm, Kontakt zu Überlebenden des Ghettos "Litzmannstadt" aufzunehmen.
Jens-Jürgen Ventzki schildert anhand von Dokumenten, Erinnerungen, Literatur- und Archivstudien den Lebensweg seines Vaters als Gauamtsleiter, Reichsredner, Oberbürgermeister, als Mitglied der Waffen-SS und als späteren Beamten der Bundesrepublik.
Jens-Jürgen Ventzki, 1944 in Lódz geboren, Geschäftsführer eines Buchverlages, Verlagsleiter, viele Jahre Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität München, lebt heute bei Zell am See in Österreich.
Jens-Jürgen Ventzki, Seine Schatten, meine Bilder. Eine Spurensuche, Studienverlag, Innsbruck 2011.
„Ein Mädchen allein auf der Flucht: Ungarn - Slowakei - Polen 1944-1945“
15. Dezember 2011 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Eva Szepesi und Babette Quinkert
Als die Deutschen im Frühjahr 1944 in Ungarn einmarschieren, beginnt die Verfolgung und Ermordung der ungarischen Juden. Die elfjährige Eva wird von ihrer Mutter in die Slowakei geschickt. Von nun an lebt das jüdische Mädchen auf der Flucht. Sie findet Verstecke bei gutwilligen Menschen, doch schließlich wird sie gefangen genommen und nach Auschwitz verschleppt. Nach dem Krieg schweigt Eva Szepesi, geb. Diamant, fünfzig Jahre lang. Erst Mitte der neunziger Jahre kann sie über das Erlebte sprechen.
Eva Szepesi lebt heute in Frankfurt am Main. Die Historikerin Babette Quinkert hat sie bei der Abfassung ihrer Lebenserinnerungen unterstützt und in der Einleitung zum Buch eine historische Einbettung der geschilderten Ereignisse in Ungarn vorgenommen.
Eva Szepesi, Ein Mädchen allein auf der Flucht: Ungarn - Slowakei - Polen (1944-1945), Metropol Verlag, Berlin 2011.
Kontakt:
Yasemin Shoomanshooman[at]mail.tu-berlin.de
Tel: 030/ 314-25467
