Veranstaltungsreihe Lebenszeugnisse:
Übersicht 2012
Veranstaltungsort: Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestr. 125, 10115 Berlin
U-Bahnhof Zinnowitzer Str. oder Oranienburger Tor
„Der Henkersknecht – Der Prozess gegen John (Iwan) Demjanjuk in München“
19. Januar 2012 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Angelika Benz
Von November 2009 bis Mai 2011 stand John (Iwan) Demjanjuk vor dem Landgericht München II – angeklagt der 27.900-fachen Beihilfe zum Mord, begangen 1943 im Vernichtungslager Sobibór. War der in einem Kriegsgefangenenlager rekrutierte Trawniki- Mann unbeteiligter Wachsoldat, williger Handlanger der SS oder Mörder aus eigenem Antrieb? Angelika Benz hat den Prozess von Anfang bis Ende beobachtet. Sie rekonstruiert die Verhandlungen, porträtiert den Angeklagten, Richter, Staatsanwalt, Verteidiger und Nebenkläger und stellt die historischen Hintergründe dar. Momentaufnahmen aus dem Gerichtssaal geben einen präzisen Einblick in den Prozessalltag.
Angelika Benz, 1981 geboren, absolvierte ein Studium der Neueren Deutschen Geschichte und Neueren Deutschen Philologie und promoviert am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin über das SS-Ausbildungslager Trawniki.
Angelika Benz, Der Henkersknecht. Der Prozess gegen John (Iwan) Demjanjuk in München, Metropol Verlag, Berlin 2011.
„Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne“– Die Tagebücher des Friedrich Kellner 1939-1945
23. Februar 2012 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Sascha Feuchert
Der Laubacher Justizinspektor Friedrich Kellner wollte der Nachwelt ein Zeugnis ablegen von der gedankenlosen Unterwürfigkeit seiner Zeitgenossen und den hohlen nationalsozialistischen Propagandaphrasen. Von 1939 bis 1945 schrieb er beinahe täglich seine Kritik am NS-Regime nieder und dokumentierte die vielen kleinen und großen Verbrechen der NS-Diktatur. Diese Tagebücher zeigen, dass jeder in der Lage gewesen wäre, die nationalsozialistische Rhetorik zu entlarven und von den Gräueltaten des „Dritten Reiches“ zu wissen. Kellners akribische Analyse der Tagespresse, die zusammen mit zahlreichen eingeklebten Zeitungsausschnitten einen Großteil der Tagebücher einnimmt, macht diesen Text zu einer einzigartigen Quelle, die eine neue Sicht auf den Alltag im „Dritten Reich“ ermöglicht. Darin unterzieht er die gleichgeschalteten Meldungen einer schonungslosen Kritik und verdeutlicht, wie offensichtlich die Lügen der NS-Presse waren. In der Verbindung von Zeitungsausschnitt und Kommentar findet Friedrich Kellner eine Methode, die seine Tagebücher neben die Aufzeichnungen Victor Klemperers stellt.
Markus Roth, Jahrgang 1972, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Herder Instituts Marburg im LOEWE-Projekt "Multimedialisierung der Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt" und stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, wo Friedrich Kellners Tagebücher zwischen 2005 und 2011 ediert wurden.
Friedrich Kellner, „Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne“. Tagebücher 1939-1945, 2 Bde. hrsg.v. Sascha Feuchert, Robert Martin Scott Kellner, Erwin Leibfried, Jörg Riecke und Markus Roth, Wallstein Verlag, Göttingen 2011.
„Das Glück kam immer zu mir“ – Rudolf Brazda - Das Überleben eines Homosexuellen im Dritten Reich
29. März 2012 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Alexander Zinn
Kurz vor der nationalsozialistischen Machtübernahme erlebt der junge Rudolf Brazda sein Coming-out als Homosexueller. Für kurze Zeit genießt er seine erste große Liebe, dann schlagen die Nationalsozialisten zu. Nach zwei Verhaftungen wird Brazda 1942 in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Dort überlebt er durch viel Glück - und dank seines ungebrochenen Humors und Optimismus. Alexander Zinn erzählt die Geschichte eines erfüllten Lebens, das trotz aller Widrigkeiten von Liebe und Lebensfreude geprägt war. Zugleich schildert er die unbarmherzige Verfolgung homosexueller Männer während des Nationalsozialismus - eine Geschichte, die bis heute viele blinde Flecken hat.
Alexander Zinn ist Diplom-Soziologe, Journalist und PR-Berater. Als Pressesprecher des Berliner Lesben- und Schwulenverbandes lernte er im Mai 2008 Rudolf Brazda kennen, anlässlich der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Er führte lange, intensive Gespräche mit Brazda, reiste mit ihm an die verschiedenen Stationen seines Lebens und ergänzte die persönlichen Erinnerungen durch Archivmaterial wie z. B. Akten aus Strafprozessen.
Rudolf Brazda wurde 1913 als Sohn tschechischer Eltern im thüringischen Brossen geboren. Nach dem Krieg lebte er mit seinem Lebensgefährten im Elsass und in Süddeutschland. Er starb im August 2011 im Alter von 98 Jahren.
Alexander Zinn, "Das Glück kam immer zu mir". Rudolf Brazda - Das Überleben eines Homosexuellen im Dritten Reich, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2011.
Jakub Poznanski - Tagebuch aus dem Ghetto Litzmannstadt
26. April 2012 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Ingo Loose
Im Ghetto Litzmannstadt waren insgesamt über 200 000 Menschen eingesperrt, die meisten von ihnen wurden in den Vernichtungslagern Kulmhof und Auschwitz ermordet. Mit den Tagebüchern von Jakub Poznanski liegt einer der wichtigsten zeitgenössischen Texte zum Leben und Sterben in Litzmannstadt erstmals in deutscher Übersetzung vor. Zwischen 1941 und 1945 notiert der Autor eine Vielzahl von Details: vom Ghettoalltag und der Zwangsarbeit über die Deportationen in die Vernichtungslager bis hin zur Befreiung der letzten wenigen Überlebenden 1945.
Ingo Loose ist Historiker und Mitarbeiter im Editionsprojekt "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945" des Instituts für Zeitgeschichte München - Berlin und des Bundesarchivs. Er hat die Tagebücher des Jakub Poznanski aus dem Polnischen übersetzt, kommentiert und mit einer Einleitung zur Geschichte des Ghettos Litzmannstadt versehen.
Jakub Poznanski, Tagebuch aus dem Ghetto Litzmannstadt, übers. und. hrsg. v. Ingo Loose, Metropol Verlag, Berlin 2011.
Ihr habt es aber schön hier! - Als West-Korrespondent in der DDR
31. Mai 2012 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Peter Pragal
Peter Pragal verlegte 1974 als erster unter den akkreditierten westdeutschen Korrespondenten seinen Wohnsitz in die DDR-Hauptstadt. Er zog mit Frau und Kindern von München nach Ost-Berlin. Um das Leben der Menschen im sozialistischen deutschen Staat realistisch schildern zu können, versuchten die Pragals sich so gut es ging in die Gesellschaft zu integrieren, machten in der DDR Urlaub und schickten ihre Kinder in den Kindergarten bzw. auf die Polytechnische Oberschule. In seinem Buch erzählt Peter Pragal von seinem insgesamt zwölf Jahre währenden DDR-Alltag: wie er und seine Frau Bücher schmuggelten, worüber sie mit den neuen Freunden und Bekannten stritten und wie sie diverse Arten von Spitzeln unterscheiden lernten.
Peter Pragal, geboren 1939 in Breslau, hat Publizistik und Politologie studiert und die Deutsche Journalistenschule absolviert. In den Siebziger- und Achtzigerjahren arbeitete er insgesamt zwölf Jahre lang als DDR-Korrespondent für die Süddeutschen Zeitung und den "Stern" in Ost-Berlin. Seit 2004 lebt er als freier Journalist in Berlin.
Peter Pragal, Ihr habt es aber schön hier! Als West-Korrespondent in der DDR, Piper Verlag, München 2011.
Von Hitler vertrieben, von Stalin verfolgt - Der Jazzmusiker Eddie Rosner
28. Juni 2012 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Gertrud Pickhan und Maximilian Preisler
In der Geschichte des europäischen Jazz war Eddie Rosner, Jahrgang 1910, eine Ausnahmegestalt. In Berlin machte er bereits in jungen Jahren als Mitglied der "Weintraub Syncopators" Karriere. Als Jude in Deutschland ab 1933 nicht mehr sicher, führte ihn ein unruhiges Leben durch ganz Europa. 1939 landete er schließlich in der Sowjetunion, wo er als "Westimport" im Zweiten Weltkrieg schnell zu einem Superstar mit eigenem Jazzorchester wurde. Nach Kriegsende wurde er jedoch als Verräter gebrandmarkt und zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. Aber auch als Gulag-Häftling machte Rosner Musik und konnte nach Stalins Tod in Moskau an seinen alten Ruhm anknüpfen, bis er schließlich 1973 nach (West-)Berlin zurückkehrte. Rosners Charisma, seine Energie und die Liebe zur Musik ließen ihn zwei Diktaturen überstehen. Er starb 1976. Die Osteuropa-Historikerin Gertrud Pickhan und der Musikjournalist Maximilian Preisler zeichnen in ihrem Buch das bewegte Leben Rosners nach.
Gertrud Pickhan ist seit 2003 als Professorin an der FU Berlin tätig und forscht über die historische Kulturlandschaft Ost- und Ostmitteleuropas. Maximilian Preisler hat Amerikanistik und Politologie studiert. Er lebt als freier Journalist und Autor in Berlin.
Gertrud Pickhan/Maximilian Preisler, Von Hitler vertrieben, von Stalin verfolgt. Der Jazzmusiker Eddie Rosner, be.bra Verlag, Berlin 2010.Kontakt:
Yasemin Shooman
shooman[at]mail.tu-berlin.de
Tel: 030/ 314-25467
