Veranstaltungsreihe Lebenszeugnisse:
Übersicht Sommersemester 2010
Veranstaltungsort: Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestr. 125, 10115 Berlin
U-Bahnhof Zinnowitzer Str. oder Oranienburger Tor
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"Undermensch" Die Erinnerungen eines Mitglieds der jüdischen Ghettopolizei von Litzmannstadt
14. April 2010 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Anatol Chari
"Undermensch" ist der Bericht eines der wenigen Überlebenden aus dem Ghetto Litzmannstadt. Anatol Chari, geboren 1923 in Lódz, war Mitglied der dortigen jüdischen Ghettopolizei. Der Vorsitzende des Judenrats, ein Freund seines bereits deportierten Vaters, schützte ihn. Diese Umstände sicherten ihm ausreichende Ernährung, warme Kleidung, eine eigene Wohnung und legten so die Grundlagen für sein Überleben nach der Deportation in die Konzentrationslager Auschwitz, Groß-Rosen und Bergen-Belsen, wo Chari befreit wurde. Er hatte sehr viel Glück, denn immer wieder gab es Wendungen, die ihm das Leben retteten, oftmals auch zu Ungunsten anderer. Anatol Chari hat sich Zeit seines Lebens damit auseinandergesetzt, warum ausgerechnet er überlebt hat und andere nicht.
Nach Kriegsende kam Chari in ein DP-Lager in der Nähe von Frankfurt, begann ein Studium der Zahnmedizin, machte seinen Doktor und wanderte dann in die Vereinigten Staaten aus. Er diente in der amerikanischen Armee und ließ sich schließlich in Kalifornien nieder, wo er erfolgreich als Paradontologe tätig war.
Anatol Chari, Undermensch, München, dtv 2010
"Die Leinwand"
27. Mai 2010 20.00 Uhr
Ein Roman über die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerungen und das Ringen um Identität
Wolfgang Benz im Gespräch mit Benjamin Stein
Amnon Zichroni besitzt die Fähigkeit, Erinnerungen anderer Menschen nachzuerleben. Geboren in Jerusalem und streng jüdisch erzogen, studiert er in den USA und lässt sich in Zürich als Psychoanalytiker nieder. Dort begegnet er dem Geigenbauer Minsky, den er ermuntert, seine traumatische Kindheit in einem NS-Vernichtungslager schreibend zu verarbeiten. Beider Existenz steht auf dem Spiel, als der Journalist Jan Wechsler behauptet, das Minsky-Buch sei reine Fiktion. Zehn Jahre später wird eben diesem Jan Wechsler ein Koffer zugestellt, der ihm bei einer Reise nach Israel verloren gegangen sein soll - doch Wechsler kann sich an den Koffer nicht erinnern. Auf den Spuren fragwürdig gewordener Erinnerungen reist er nach Israel und gerät in ein Verhör. Tatsächlich, stellt sich heraus, ist er schon einmal dort gewesen, und sein damaliger Gastgeber, Amnon Zichroni, gilt seither als vermisst …
Benjamin Stein hat mit seinem Roman "Die Leinwand" ein Buch über die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerungen und das Ringen um Identität geschrieben. Inspiriert hat ihn dazu der spektakuläre Fall des "Binjamin Wilkomirski", der 1995 eine von der Kritik vielgelobte Autobiographie veröffentlichte, die sich einige Zeit später als Fiktion erwies.
Benjamin Stein, Jahrgang 1970, hat Judaistik und Hebraistik studiert und lebt heute in München. Seit 1982 veröffentlicht er Lyrik und Kurzprosa. Er ist Inhaber des Autorenverlags Edition Neue Moderne und betreibt das literarische Weblog "Turmsegler".
Benjamin Stein, Die Leinwand, München, C. H. Beck Verlag 2010
"Grünkohl und Curry" - Die Geschichte einer Einwanderung
24. Juni 2010 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Hasnain Kazim
Auf dem Dachboden seiner Eltern findet Hasnain Kazim, Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer, eine Kiste mit Papieren, die ein Tor zu seiner Vergangenheit öffnen: Dokumente, die belegen, dass seine Familie in den 80er-Jahren mehrmals kurz davor stand, aus Deutschland ausgewiesen zu werden. Kazim geht dieser Familiengeschichte nach, erzählt, wie seine Eltern nach Deutschland kamen und warum sie ausgerechnet in einem Dorf bei Hamburg, das alles andere als ihr Traumziel war, heimisch wurden.
Den Schikanen der Ausländerbehörden steht die Hilfsbereitschaft der Dorfbewohner gegenüber, die der muslimischen Familie, wo immer möglich, den Rücken stärken. Was im täglichen Leben rasch gelingt - die Integration - wird erst nach 16 Jahren offiziell: Die Familie erhält die deutsche Staatsbürgerschaft.
Hasnain Kazims Familiengeschichte kann als ein Beitrag zur Debatte um das Einwanderungsland Deutschland gelesen werden. Der Autor wurde 1974 im niedersächsischen Oldenburg geboren und wuchs in dem Dorf Hollern-Twielenfleth im Alten Land, vor den Toren Hamburgs, sowie in Karatschi, Pakistan, auf. Er studierte Politikwissenschaft und schrieb unter anderem für die Heilbronner Stimme und die Nachrichtenagentur dpa. Ab 2006 war er Redakteur von SPIEGEL ONLINE. Seit Juli 2009 lebt er als Südasienkorrespondent von SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL in Islamabad.
Hasnain Kazim, Grünkohl und Curry. Die Geschichte einer Einwanderung, München, dtv 2009
"Als ich in Auschwitz war" - Bericht eines Überlebenden
23. September 2010 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Paul Schaffer und Ingrid Schupetta
Paul Schaffer wächst als Kind einer jüdischen Familie in Wien auf. Nach dem Novemberpogrom 1938 fliehen Vater, Mutter, die Schwester Erika und Paul nach Belgien. Bedroht vom Einmarsch der Deutschen in Belgien flieht die Familie weiter nach Südfrankreich in die nicht besetzte Zone. Doch auch dort sind die Schaffers nicht in Sicherheit. Sie werden von der Vichy-Regierung festgesetzt und ausgeliefert. Nach einem Aufenthalt in Internierungslagern werden die Mutter, Erika und Paul über Drancy nach Auschwitz deportiert. Die Frauen werden sofort ermordet. Paul überlebt als Zwangsarbeiter bei der Firma Siemens-Schuckert. Er flieht bei der Evakuierung des Außenlagers Bobrek.
Zurück in Frankreich stellt er fest, dass auch sein Vater inzwischen gestorben ist. Paul baut sich ein neues Leben auf. Nach einer erfolgreichen Karriere als Industrieller widmet er sich der Erinnerung an die Shoah. Vor Schülerinnen und Schülern legt er Zeugnis ab - über die Zeit, als er in Auschwitz war. Er lebt in Paris.
An der Veranstaltung nimmt auch Ingrid Schupetta, die Leiterin der NS-Dokumentationsstelle Krefeld, teil, die Paul Schaffers Erinnerungen aus dem Französischen ins Deutsche übertragen hat.
Paul Schaffer, Als ich in Auschwitz war. Bericht eines Überlebenden, Berlin, Metropol Verlag 2010
Kontakt:
Yasemin Shoomanshooman@zfa.kgw.tu-berlin.de
Tel: 030/ 314-25467
