Veranstaltungsreihe Lebenszeugnisse:
Übersicht Wintersemester 2010/11
Veranstaltungsort: Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestr. 125, 10115 Berlin
U-Bahnhof Zinnowitzer Str. oder Oranienburger Tor
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„Der Glückliche — Roman zu zehn Stimmen“
28. Oktober 2010 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Roswitha Quadflieg
Der Roman „Der Glückliche“ beruht auf der von Roswitha Quadflieg recherchierten Biographie des Dr. L. W. (1888—1959), von 1921 bis 1933 Stadtarzt in Speyer. Schon früh als Querulant verschrien, wurde er mehrfach verwarnt, 1938 wegen Beleidigung Hitlers verhaftet, jedoch aufgrund eines ärztlichen Gutachtens in die Heil- und Pflegeanstalt Lohr verbracht. Hier blieb er 21 Jahre. Drei Tage nach seiner Entlassung im Sommer 1959, inzwischen im 72. Lebensjahr, stürzte er auf einer Wanderung in den Tiroler Bergen in den Tod.
25 Jahre nach L. W.s Tod kommen zehn Stimmen zu Wort – sieben Familienmitglieder, ein Mitinsasse der Heilanstalt, ein Arzt und ein Rechtsanwalt – sie rollen sein Leben wie in einem Zeugenstand auf, wobei jede Person auf ihrem eigenen Standpunkt beharrt, die eigene, einzig richtige Sichtweise reklamiert. So werden unterschiedliche „Wahrheiten“ vorgeführt, die den Leser erneut in Unsicherheit darüber bringen, wie alles denn nun wirklich war.
Roswitha Quadflieg wurde 1949 in Zürich geboren und ist in Hamburg aufgewachsen, wo sie Kunst studiert hat. Sie lebt heute als Schriftstellerin in Hamburg und Freiburg.
Roswitha Quadflieg, Der Glückliche. Roman zu zehn Stimmen. Stroemfeld Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
„Und plötzlich waren wir Verbrecher — Geschichte einer Republikflucht“
25. November 2010 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Dorothea Ebert und Michael Proksch
Im Sommer 1983 beschließen die in Dresden lebenden Geschwister Michael und Dorothea, beide Musiker, aus der DDR zu fliehen, die Familie und Freunde wissen nichts von ihrem Plan. Gemeinsam mit Dorotheas Mann und einem befreundeten Kunststudenten versuchen sie, zu Fuß über die bulgarische Grenze nach Jugoslawien zu gelangen. Doch der Fluchtversuch misslingt und die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung endet für die vier hinter Gittern. Zur Jahreswende 1984/85 werden sie von der Bundesrepublik freigekauft. Was brachte junge Menschen mit, wie es schien, guten Aussichten in der DDR dazu, das Risiko einer Republikflucht auf sich zu nehmen? Wie erlebten sie das Scheitern? Wie kamen sie im Gefängnis zurecht, als „Politische“ unter Kriminellen? Der DDR-Alltag außerhalb und innerhalb der Gefängnisse und eine gescheiterte Flucht – erzählt aus der Perspektive von Schwester, Bruder und Mutter, die in Dresden zurückblieb.
Dorothea Ebert, geboren 1960 in Dresden, absolvierte die Meisterklasse im Fach Violine an der Musikhochschule in Dresden. Nach der Ausbürgerung setzte sie ihr Studium in Salzburg fort. Sie ist seit 1987 als Dozentin am Richard-Strauss-Konservatorium, heute Hochschule für Musik und Theater, in München tätig und gehört seit 1988 als Geigerin dem Bayerischen Staatsorchester an.
Michael Proksch, geboren 1958, studierte Klavier an der Musikhochschule in Dresden, setzte nach der Ausbürgerung seine Klavier- und Kompositionsstudien in Genf, München und Berlin fort und ist heute freiberuflicher Komponist und Pianist.
Dorothea Ebert/Michael Proksch, Und plötzlich waren wir Verbrecher. Geschichte einer Republikflucht, dtv, München 2010.
„Jureks Erben - Vom Weiterleben nach dem Überleben“
16. Dezember 2010 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Katarina Bader
Im Februar 2006 stirbt Jerzy Hronowski, genannt Jurek, unter mysteriösen Umständen in seiner Wohnung in Warschau. Auf seiner Beerdigung wird Katarina Bader klar, wie einsam ihr Freund Jurek in den letzten Jahren war. Als 18-Jährige hatte sie den damals fast 80-Jährigen in der Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz kennengelernt. Aus der organisierten Begegnung entwickelt sich eine Freundschaft. In den traurigen Geschichten, die Jurek über die Zeit im Lager erzählt, ist immer ein Funken Hoffnung: Sie handeln vom Essen-Organisieren und davon, wie er bei einem „medizinischen Versuch“ mit Fleckfieber infiziert wurde, aber überlebte, weil ein jüdischer Pfleger ihm heimlich Medikamente zuschob. Als Katarina Bader Jurek besser kennenlernt, merkt sie aber, dass er Erinnerungen jenseits dieser Geschichten hat. Quälende Erinnerungen.
Nach Jureks Tod bleiben Fragen: Warum war er so einsam? Wieso hat er sich von fast allen Menschen, die ihm eine Zeit lang nahe standen, im Streit getrennt? Um Antworten zu finden, besucht Katarina Bader einen ehemaligen Mithäftling, einen Pfarrer aus Norddeutschland, der seine Kindheit in der Nazi-Eliteschule Napola verbrachte und sich später zusammen mit Jurek für Versöhnung engagierte und Jureks Sohn Tomek, der als 16-Jähriger im Streit von zu Hause wegging und mit dem sich Jurek nie aussöhnen konnte.
Katarina Bader, Jahrgang 1979, hat in München, Krakau und Warschau Journalistik, Politikwissenschaft und osteuropäische Geschichte studiert. Sie lebt in München, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ludwig-Maximilians-Universität und ist außerdem als freie Journalistin tätig. 2007 wurde sie mit dem Deutsch-Polnischen Journalistenpreis ausgezeichnet.
Katarina Bader, Jureks Erben. Vom Weiterleben nach dem Überleben. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010.
„Der Junge im Schrank – Eine Kindheit im Krieg“
20. Januar 2011 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Senek Rosenblum
Senek Rosenblum wird 1935 als Sohn eines Getreidehändlers im polnischen ¯ychlin geboren, das nach der deutschen Eroberung im annektierten Reichsgau Wartheland liegt. Für die Familie Rosenblum markiert der Einmarsch der Deutschen, wie für alle Juden der Stadt, den Beginn von Ghettoisierung und Verelendung. 1942 versucht Seneks Vater mit seiner Frau, der Schwiegermutter und seinem Sohn in das Warschauer Ghetto ins Generalgouvernement zu fliehen, weil er fälschlicherweise annimmt, dass seine Familie dort sicherer sei. Nur Vater und Sohn gelangen schließlich nach einer Odyssee bei eisigen Temperaturen nach Warschau, die Mutter und Großmutter sterben unterwegs an Erschöpfung. Glücklicherweise gelingt es Seneks Vater, der als Schmuggler lebenswichtiger Waren an der Ghettomauer arbeitet, seinen Sohn wieder aus dem Ghetto herauszuschleusen. Er überredet eine Polin, seinen Jungen in ihrer winzigen Wohnung zu verstecken, wo er zusammengekauert in einem Schrank ausharren muss, um nicht entdeckt zu werden.
Nur sehr wenige jüdische Kinder im besetzten Polen konnten gerettet werden. Zu ihnen gehört Senek Rosenblum, der jetzt, im Alter von über 70 Jahren, seine Erinnerungen publiziert hat. Nach dem Krieg hat er in München seine zweite Heimat gefunden.
Senek Rosenblum, Der Junge im Schrank. Eine Kindheit im Krieg, Club Bertelsmann 2008 und btb Verlag, München 2010.
„Beim Griechen – Wie mein Vater in unserer Taverne Geschichte schrieb“
24. Februar 2011 20.00 Uhr
Wolfgang Benz im Gespräch mit Alexandros Stefanidis
Alexandros Stefanidis erzählt die Geschichte seiner Familie, in deren Zentrum sein Vater Christoforos und das familiengeführte Restaurant „Der Grieche“ in Karlsruhe stehen. Seit 1971 spielt sich dort – im „Wohnzimmer“ der Stefanidis’ – nicht nur das Leben der sechsköpfigen Familie ab, es ist gleichzeitig eine einzigartige Bühne für deutsche Zeitgeschichte: Von der Gründerszene der Grünen bis zu absurden Situationen mit rassistischen Stammgästen, von der Zeit, als griechisches Essen fast schon ein politisches Statement war, bis zur Kapitulation vor der Döner-Welle hat die Geschichte des „Griechen“ neben komischen Alltagsgeschichten alle Elemente einer griechischen Tragödie.
Alexandros Stefanidis, Jahrgang 1975, hat in Heidelberg, Thessaloniki und Toronto Germanistik, Politikwissenschaft und Soziologie studiert und anschließend die Deutsche Journalistenschule in München besucht. Er schrieb als freier Autor für Die Zeit und den Stern. Seit 2005 arbeitet er für das Magazin der Süddeutschen Zeitung. Für seine Arbeit ist er mit mehreren Preisen geehrt worden, u.a. gewann er 2008 den CNN Journalist Award in der Kategorie Print..
Alexandros Stefanidis, Beim Griechen. Wie mein Vater in unserer Taverne Geschichte schrieb, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2010.
Kontakt:
Yasemin Shoomanshooman@zfa.kgw.tu-berlin.de
Tel: 030/ 314-25467
