Antisemitismus in Italien und Deutschland im Vergleich (1870-1914)
Arbeitsschwerpunkte:
Trotz der frappierenden zeitlichen Parallelität der Entwicklung der deutschen und italienischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und trotz der auffallenden Gemeinsamkeiten der neueren politischen Geschichte, scheinen sich beide Länder zumindest in einem Punkt sehr deutlich voneinander zu unterscheiden. Während das preußisch-deutsche Kaiserreich zu einem Zentrum des modernen Antisemitismus wurde, blieb das vereinte Italien offenbar weitgehend frei von antisemitischen Bewegungen.In dem Forschungsprojekt wird daher zunächst zu untersuchen sein, ob und inwiefern dieses Bild einer vom Antisemitismus unberührten Gesellschaft im liberalen Italien zutrifft. Wenn sich diese in der italienischen Geschichtswissenschaft vorherrschende These bestätigt, kann am Gegenbild Italien mit Hilfe komparativer Methode analysiert werden, wie eine Gesellschaft möglich war, in der sich antisemitischen Bewegungen kaum oder nur in einem sehr viel geringeren Ausmaß haben durchsetzen können.
Das Projekt geht dabei von der methodologischen Überzeugung aus, dass allein komparative Studien Aufschluss darüber geben können, worin die Besonderheiten des Antisemitismus in Deutschland bestanden und wie stark das deutsche Kaiserreich von einer antisemitischen Gesellschaftsstimmung geprägt war. Der zeitliche Rahmen der Untersuchung erstreckt sich auf die Zeit von 1870 bis 1914, von der Entstehung des modernen Antisemitismus bis zum Ersten Weltkrieg.
Da eine solche Untersuchung nur in konkreten sozialen und lokalen Bezügen durchgeführt werden kann, soll der Vergleich exemplarisch von jenen Klassen ausgehen, die sich in Deutschland als besonders anfällig für die antisemitische Ideologie erwiesen haben. Um dennoch zu überregionalen Aussagen zu gelangen, sind für die jeweiligen Aspekte verschiedene Orte in Deutschland und Italien heranzuziehen.
Zum Vergleich wurden zunächst Kleinhändler, Angestellte und Studenten herangezogen. Die Kleinhändler sind deshalb ausgewählt worden, weil es sich bei ihnen um jenen Teil des alten Mittelstandes handelt, der vom ökonomischen Wandel hin zu einer Gesellschaft von Konsumenten und dem damit zusammenhängenden sozialen Aufstieg der jüdischen Minderheit in besonderer Weise betroffen war. Der Antisemitismus der Kleinhändler kann exemplarisch am Beispiel von Berlin und Mailand untersucht werden, zwei Handelsmetropolen, in denen sich in markanter Weise die Veränderungen des Warenaustauschs, die Entstehung der neuen Kaufhäuser und die Entwicklung hin zur Konsumgesellschaft abzeichneten, sozioökonomische Veränderungen mithin, gegen die der alte Mittelstand und die kleine Geschäftsleute in Deutschland immer wieder mit antisemitischer Propaganda vorgingen Für die Wahl der Angestellten sprach die Tatsache, dass es sich bei dieser Schicht um eine neue soziale Formation handelt, die in besonderer Weise die neuartige antisemitische Mentalität aufgenommen hat. Zentraler Ort der deutschen Angestellten war Hamburg, als Vergleichsort für Italien bot sich Genua an, eine Stadt, deren sozioökonomische Struktur in gleicher Weise vom Hafenbetrieb und Warenumschlag geprägt war und die als ehemalige Republik über eine ähnliche politische Tradition verfügte wie die Freie und Hansestadt Hamburg.
Um auch einen Teil des Bürgertums in die Forschung einzubeziehen, sollen hier Studenten untersucht werden, zumal es sich bei ihnen um die künftige Elite und die nachwachsende Generation handelt, die in den hier zu untersuchenden Jahren ihre entscheidende politische Sozialisation erfuhr und damit die Politik der späteren Jahre bestimmte. Die Haltung der christlichen Studenten zu ihren jüdischen Kommilitonen und zum Antisemitismus soll am Beispiel von Bologna und Heidelberg analysiert werden, jenen Universitätsstädten, die in beiden Ländern über die längsten akademischen Traditionen verfügten und die beide auf ihre Weise den Nimbus, nationaler Universitätsstandort zu sein, genossen.
Um zu fundierten Aussagen über den Antisemitismus in der deutschen und italienischen Gesellschaft zu gelangen, ist es notwendig, sich neben den für die antisemitische Ideologie anfälligen sozialen Gruppen auch auf die politischen Vereine zu konzentrieren, die die neue nationalistische Ideologie entwickelt haben, jenes Denken, das in Deutschland in besonderer Weise mit dem Antisemitismus verknüpft war. Für den deutsch-italienischen Vergleich bot sich dafür eine komparative Analyse des Alldeutschen Verbandes und der Associazione Nazionalista Italiana an, die beide in vergleichbarer Weise die Ideologie des Nationalismus geprägt hatten und später in die faschist-sche beziehungsweise nationalsozialistische Bewegung eingingen. Die organisatorischen Zentren der nationalistischen Verbände in Italien und Deutschland waren Berlin und Florenz, wo 1910 der erste gesamt-italienische Nationalistenkongress stattfand und die Associazione Nazionalista Italiana gegründet wurde.
Unerlässlich ist schließlich eine vergleichende Untersuchung des Verhältnisses der christlichen Kirchen zum Antisemi-tismus, wobei für Deutschland die konfessionelle Spaltung in angemessener Weise in den Vergleich einzubinden ist. Notwendig war es für Deutschland daher, eine Stadt auszuwählen, deren konfessionelle Zusammensetzung in etwa derjenigen des Deut-schen Reiches entsprach. Diesem Kriterium genügte mit seinem protestantischen Bevölkerungsanteil von knapp 60% und seinem katholischen Bevölkerungsanteil von 35% in etwa die schlesische Stadt Breslau. Da vornehmlich nach der Verankerung des kirchlichen Antisemitismus in der nationalen Gesellschaft und in der Politik gefragt werden soll, bot sich Venedig zum Vergleich an. Hier lag der Ausgangspunkt des katholischen Vereinswesens im vereinigten Italien und von hier aus hat sich der italienische Katholizismus wieder der Zivilgesellschaft und der nationalen Politik angenähert.
Der hier vorgestellte deutsch-italienische Vergleich soll dazu beitragen, entscheidende Defizite der Antisemitismusforschung zu überwinden, die nicht zuletzt daraus resultieren, dass der Antisemitismus in Deutschland zu sehr als Vorgeschichte des Nationalsozialismus betrachtet und die Entstehung und Entwicklung des modernen Antisemitismus zu wenig in seinem europäischen Kontext gesehen wird.
Das Projekt wird von PD Dr. Ulrich Wyrwa geleitet, der seine Arbeit im März 2002 aufgenommen hat.
