Judenverfolgung in Weißrussland:
Die Geschichte des Ghettos Minsk und des Vernichtungslagers von Maly Trostenez
Projektbeschreibung
Die Geschichte der nationalsozialistischen Haft- und Mordstätten in den besetzten Gebieten der Sowjetunion und des Baltikums wird in der deutschen Konzentrationslager-Historiographie seit Mitte der 1990er Jahre als Desiderat der Forschung definiert. Das wissenschaftliche Interesse richtet sich dabei nicht allein auf die drei offiziellen Konzentrationslager Kaunas (Litauen), Riga/Kaiserwald (Lettland) und Vaivara (Estland), sondern auch auf andere Lagerkategorien wie zum Beispiel Arbeitslager der SS und Polizei, Sammel- und Durchgangslager für Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenenlager und Ghettos zur Konzentrierung der jüdischen Bevölkerung. Denn insbesondere diese Lagerformen waren zentrale Instrumente deutscher Besatzungs- und Vernichtungspolitik in Osteuropa.Mit dem Ghetto Minsk und dem Lager Maly Trostenez mit seinen Exekutionsplätzen Blagowschtschina und Schaschkowka nimmt das Projekt zwei zentrale Haft- und Mordstätten in der besetzten weißrussischen Sowjetrepublik in den Blick. Beide Orte verbinden sich mit der Inhaftierung, wirtschaftlichen Ausbeutung und Ermordung von zehntausenden weißrussischen sowie rund 22.000 deutschen, österreichischen und tschechischen Juden. Das Vorhaben rekonstruiert die Geschichte des Ghettos und des Lagers in ihren verschiedenen Funktionen als Sammel-, Arbeits- und Vernichtungslager sowie als Experimentierfeld für neue Vernichtungstechniken (Gaswagen). Dabei finden sowohl der Planungshorizont der Verantwortlichen in der Reichszentrale als auch die Interessen und Motivationen der regionalen und lokalen Machtträger Berücksichtigung. Weiterhin wird nach Überlebensstrategien von Ghetto- und Lagerinsassen, nach der Rolle der "Judenräte" und der Vertreter des jüdischen Widerstandes sowie nach dem Verhalten der nichtjüdischen Zivilbevölkerung vor Ort gefragt.
Ziel des Projektes ist es, vertiefte Einblicke in die Organisation und Durchführung des Genozids im Minsker Gebiet sowie in die Reaktionen der Opfer und der ansässigen nichtjüdischen Bevölkerung zu bieten. Angesichts der Heterogenität des osteuropäischen Raumes und der Uneinheitlichkeit deutscher Politik inmitten eines stetig variierenden Kriegsverlaufs kann die Rekonstruktion lokalspezifischer Ausprägungen des Judenmordes zu einer Erweiterung und Vertiefung der Kenntnisse zur deutschen Vernichtungspolitik in den besetzten Gebieten der UdSSR und damit zum Gesamtphänomen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen beitragen.
Das Vorhaben stützt sich hauptsächlich auf die Auswertung archivarischen Materials. Neben amtlichem Schriftgut aus der Besatzungszeit stellen auch die ab 1945 entstandenen Ermittlungsakten einen wichtigen Quellenfundus dar. Eine dritte wichtige Gruppe bilden Augenzeugen- und Erinnerungsberichte von Überlebenden in gedruckter und ungedruckter Form.
Das Projekt ist am Zentrum für Antisemitismusforschung angesiedelt und wird im Zeitraum vom 01.01. 2005 bis Herbst 2007 von der Fritz Thyssen Stiftung finanziert. Projektbearbeiterin ist Petra Rentrop.
